:: studien

 

Bevor Nachbildungen für die Fehlstellen des Lukas-Torsos entwickelt werden konnten, war eine intensive Analyse des Bestandes und aller verfügbaren Quellen erforderlich.

 

Wichtige Hinweise geben die noch intakten Evangelistenfiguren, die folglich vermessen, neu fotografiert und teilweise auch gescannt wurden. Darüber hinaus wurde historisches Fotomaterial aus den Archiven des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege und der Philipps-Universität Marburg gesichtet und ausgewertet.

 

Insbesondere die gewonnenen 3D-Daten von den originalen Teilen waren eine unermesslich wertvolle Quelle für eine Vielzahl von Analysen, die in der Folge komfortabel im 3D-Labor der THD durchgeführt werden konnten. So waren auf diese Weise beliebige Ansichten, Querschnitte, Maßstäbe und Detailgrade der digitalisierten Figurenteile darstellbar. Aktuelle wissenschaftliche und technische Methoden lieferten so die Grundlage, um die Ergänzungen möglichst originalgetreu zu entwickeln.

 

Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, unter Zuhilfenahme von 3D-Software Animationen zu erstellen, die Einblicke gaben, wie sie am originalen Objekt nie hätten beobachtet werden können. So konnten etwa Kameraeinstellungen virtuell simuliert oder verschiedene Handstellungen variiert werden, ohne tatsächliche Massen bewegen zu müssen.

 

Zusätzlich zu den Studien im virtuellen Raum halfen von Hand gezeichnete anatomische Skizzen zu verstehen, wie die Figur räumlich aufgebaut war. Da es keine historischen Fotografien des Lukas von der Seite gab, stellte vor allem die Rekonstruktion der Tiefeninformation eine besondere Herausforderung dar.

 

 

:: bozzetto

Da die Originalskulptur mit rund drei Metern Höhe sehr groß war, bot es sich an, zunächst plastische Studien in kleinerem Maßstab anzufertigen. Seit jeher haben Bildhauer auf diese Weise zunächst kleine sogenannte "Bozzetti" angefertigt, nach deren Vorlage dann die großen Figuren geschaffen wurden. Diese Methode stellte also auch für das Forschungsprojekt Theatinerkirche eine sinnvolle Herangehensweise dar.

 

Ganz gleich in welcher Technik schließlich gearbeitet wird, letztendlich handelt es sich immer um Bildhauerei. Ob nun Ton oder Plastilin geformt wird, Holz behauen, oder im virtuellen 3D-Raum Punkte verschoben werden, das Ergebnis ist stets eine dreidimensionale Form. Dabei besteht der größte Vorteil der 3D-Modellierung darin, dass virtuelle Objekte relativ einfach beliebig gedreht, bearbeitet und in der Darstellung skaliert werden können.

 

Trotzdem hat auch die traditionelle Methode mit echten Bozzetti zu arbeiten ihre Vorzüge, denn wenn am Computer gearbeitet wird, ist die Ansicht des Modells in der Regel eine zweidimensionale Ansicht auf dem Bildschirm, welche die Räumlichkeit lediglich simuliert. Ein echtes Modell kann aber in der Hand gedreht und nicht zuletzt betastet werden, was im Umgang mit Form eine völlig andere Erfahrung ermöglicht.

 

So bestand das finale Modell, der Bozzetto mit allen Ergänzungen des Lukas, aus einer Kombination verschiedener 3D-Druck-Teile und von Hand modellierter Bereich aus industriellem Clay. Die Grundlage bildete ein Laser-Sinter-Modell des eingescannten Lukas-Torsos aus weißem Polyamid im Maßstab 1:7. Ergänzt wurde es durch weitere gedruckte Elemente aus der 3D-Modellierung, wie etwa die Hände. Die großen Fehlstellen im Bereich des Gewandes wurden schließlich von Hand nach Vorlage der historischen Fotografien nachgebildet.



:: digitalisierung

Bevor mit den von Hand modellierten Formen in 3D weitergearbeitet werden konnte, mussten sie zunächst digitalisiert werden. Während Streifenlicht-Scanner und verschiedene handgeführte 3D-Scanner eingesetzt wurden, um die originalen Überreste des Lukas in der Kirche zu digitalisieren, sollte für den sehr filigran gearbeiteten Bozzetto ein anderes Verfahren zum Einsatz kommen.

 

Die Technische Hochschule Deggendorf verfügt über ein Röntgentomografiemessgerät, das in erster Linie zur Materialprüfung und für andere hochgenaue Messungen benutzt wird. Aber auch im Forschungsprojekt Theatinerkirche sollte es von großem Nutzen sein. Der Bozzetto des Lukas war so konzipiert worden, dass er mit rund 50 Zentimeter Höhe gerade noch in diesem Gerät vermessen werden konnte.

 

Bei der Digitalisierung im Tomografen entstanden 3D-Daten, die nicht nur äußerst genau waren, sondern auch alle Hinterschneidungen präzise erfassen konnten, was mit anderen 3D-Scanverfahren so nicht möglich gewesen wäre. Die von Hand modellierten Ergänzungen für den Lukas, die am kleinen Modell entwickelt wurden, existierten danach als 3D-Datensatz und konnten am Computer im virtuellen Raum weiter bearbeitet und verfeinert werden.

 

Dazu wurden die Daten wieder auf Originalgröße hochskaliert und vom ursprünglichen Scan des Lukas-Torsos abgezogen. So entstanden passgenaue Ergänzungen, die sich wie Puzzle-Stücke perfekt an die zerklüfteten Holzkohle-Oberflächen am Original anschmiegten. Noch waren die Fragmente, die im kleinen Maßstab manuell modelliert worden waren, allerdings nicht präzise genug und wurden folglich jedes für sich in der 3D-Modellierung überarbeitet und präzisiert.

 

 

Anatomische Skizze über historischem Foto

Zeichnung: Krisztina Sárközi

Der Bozzetto mit modellierten Ergänzungen

Foto: Technische Hochschule Deggendorf

Virtuelle Bildhauerei am digitalisierten Bozzetto

Grafik: Technische Hochschule Deggendorf

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© 2017 Technische Hochschule Deggendorf

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